Vom Bahnhof nach Háje

TERRAsse 22 (2003) 4
Übersetzung Erik Simon

 

Vom Eingang in die Vorhalle der Metro trieb die Herde Menschen verbissen zu den Rolltreppen hin. Wie gewöhnlich. Faul. Träge. Eben Menschen. Ich fahre hier Tag für Tag durch, wenn ich vom Institut komme, und es ist immer dasselbe. Ich sag mir immer, wenn mir schon diese verflixten Beine gewachsen sind, dann kann es nicht schaden, sie zu benutzen. Ich steige ausgesprochen gern Treppen. Überhaupt gehe ich gern. Ich gehe so schnell, wie es mir paßt, zumal ich niemandem verpflichtet bin und niemand mir. Die Menschen sind das Gehen schon nicht mehr gewöhnt. Zudem kann ich mich damit trösten, daß ich etwas für meine Gesundheit tue. Meine bequem gewordenen Mitbürger hört man schon jammern, wenn sich in den zwei Minuten Fahrt zwischen zwei Stationen nicht setzen können. Auch die jüngeren.

Aber sieh einer an. Heute bekommen wir alle gebührend Gelegenheit, uns Bewegung zu verschaffen. Ich schau hin und sehe, wie die Menschenmenge über die standhafte Treppe zum Bahnsteig hinab drängt, mit bösem Zischen an dem Schild


Escalator out of order
Rolltreppen außer Betrieb

vorbei, das nur die ohnehin offensichtliche Tatsache bestätigt, daß die Rolltreppen heute nicht gehen. So steigen sie hinab, eine menschliche Flutwelle, dem Massenverkehrsmittel entgegen. Und ich mit ihnen.

Der Metrowaggon ist wie üblich überfüllt. Der geniale Designer, der das Innere entworfen hat, hat damit offensichtlich genug Geld für ein neues Auto verdient, damit er die Dienste seiner Schöpfung nicht in Anspruch zu nehmen braucht. Wo sich hinstellen? Woran sich festhalten? Woher die Kraft nehmen, um die wechselnden Anfechtungen durch alle möglichen spitzen und schweren Enden der Passagiere stoisch zu ertragen? Ah ja, so geht es schon.

Die Leute, die vom Bahnhof kommen, Touristen, Angestellte und Jugendliche. Eine bunte Meute. Station folgt auf Station. Figuren und Figürchen wechseln wie bei einem verrückten Schachspiel des Schicksals. Eine Oma mit ihrem Einkauf, die mit Bravour wie auf einem Hochseil balanciert. Eine Bande sich rangelnder Halbwüchsiger, die kommen anscheinend aus der Schule. Laute Musik aus den Walkmen, Versuche, einander zu überschreien, Halbstarkenposen. Kernige Bauarbeiter in Firmenoveralls mit Mörtelstaub in den Haaren und im Schnurrbart. Dann irgendwelche Möchtegern-Travoltas. Lederjacken, die Haare voll Pomade, Gold angehängt, umgehängt, aufgehängt und wahrscheinlich auch hineingesteckt … ach, unsere Herzensbrecher. Beamte und kleine Unternehmer in Klamotten für schweres Geld, die exklusiv sein sollen. Aber trotzdem zweite Garnitur. Ihre Vorbilder werden oben in Limousinen gefahren. Das Winseln von Handys auf den Stationen. Ihre Benutzer, die immer wieder ganz überrascht sind, wenn ein paar Meter nach Verlassen der Station die Verbindung abbricht. Aufgekratzte Mädchen, die ganze Runde kichernd. Menschen wie du und ich, Rucksäcke, Bücher und Kinderwagen. Kurzum, die typische Dia-Show.

Es gibt auch einprägsamere Bilder. Zum Beispiel ein angetrunkenes älteres Liebespärchen, das schon seit dem Bahnhof mitfährt. Beide etwas über fünfunddreißig, die Augen vom Alkohol zu geröteten, glänzenden Glasperlen zusamengezogen. Eine Zeitlang zwinkern sie einander zu und säuseln mühsam artikulierte Bekenntnisse. Dann nur noch lange Blicke. Die Frau schläft als erste ein. Der Mann widersteht noch eine Weile dem Gewicht der Augenlider und streicht der Dame seines Herzens mechanisch mit dem Finger über den Handrücken. Dann fällt er in den tiefen und traumlosen Schlaf der Weinseligen. Wo wollten sie aussteigen?

Oder. Oder das sehenswert gebaute Fräulein in dem extravaganten, elektrisierenden Kleid, die ganz konzentriert und selbstvergessen den letzten Essay Ecos über die SF als Metamythos des postindustriellen Zeitalters liest. Gut, was? Man weiß nicht, worauf man zuerst seine Aufmerksamkeit richten soll, auf die objektive Analyse der Spange auf der schwarzen halbdurchsichtigen Spitzenbluse, beziehungsweise ihre Zugfestigkeit, die bei jedem Atemzug verspricht, den Damm brechen und jene Massen herauszulassen und die sie dann doch zurückhält. Oder auf die näherungsweise Bestimmung einer Funktion, die eindeutig und ein für allemal die Spannung beschreiben würde, die in den Kurven ihrer von weißen Strumpfhosen verhüllten Beine verborgen ist. Oder man müßteja …

Aus der hypnotisierten Beobachtung der lesenden Schönen weckte mich das Rucken des Zuges. Endstation. Gut. Genug vergnügt. Zusammen mit den anderen mitreisenden Menschen und Schnilzen strömte ich aus dem Waggon und ließ mich mit ihnen mehr oder weniger zum Ausgang treiben.

Nun reicht's aber! stöhnte ich auf. Hier funktioniert die Rolltreppe auch nicht! In mein halblautes Selbstgespräch fielen auch die anderen Leute und Schnilze ein, die nach allen Seiten hasteten. Ich stürzte mich also in die Schlacht der Ellenbogen und der Gelenke an den oberen Gliedmaßen der Schnilze.


Ignapop
Escalater aut off ordre
Rolltrepm auser Betrib.

Mit leichtem Widerwillen machte ich mir bewußt, welch laxen Umgang mit den Menschensprachen sich die Schnilze außerhalb der Touristenzonen erlauben.

Als ich mich dann endlich in Háje aus der Metro herausgewühlt hatte und mich durch die Menge zur Haltestelle durchgeschlängelt hatte, erwartete mich eine weitere unangenehme Überraschung. Der 213er Bus fuhr mir vor der Nase davon, und ich würde noch eine Viertelstunde hier herumhängen müssen. Na ja …

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